Auch 250 Jahre nach ihrem Tod ist Jane Austen immer noch eine der gefragtesten Schriftstellerinnen und eine Größe im Kanon der englischen Literatur. Man könnte meinen, dass bereits alles über sie und ihre Romane, die die Welt erobert haben, gesagt worden sei. Es gibt jedoch noch eine Seite, auf die in der Literaturkritik bisher eher sporadisch eingegangen wird, nämlich Austen als Philosophin. Rodhams1 Verdienst ist es, auf diesen Aspekt nicht nur hinzuweisen, sondern er würdigt Austen aufgrund seiner Analyse ihrer Figuren und Visionen sogar als Moralphilosophin. In ihren Fall wäre dann die Literatur die ancilla philosophiae. Die Frage, die sich dabei stellt, lautet: Verbirgt sich in Austens Werken eine Philosophie der Moral oder nutzt Austen die Literatur zu einer subtilen moralischen Kritik der Verhältnisse? Anders ausgedrückt: Sind die Figuren Personalisierungen einer moralischen Haltung, verkörpern sie Abarten von Moral in einer bestimmten Gesellschaft zur Zeit Austens oder vertritt Austen moralische Prinzipien in einem allgemeineren, also philosophischen Sinn?
Worin besteht ihre besondere literarische Technik, Verhaltensweisen der Charaktere herauszustellen? Austen hält als Pfarrerstochter in ihren Romanen keine Predigten darüber, was man tun sollte2, sondern sie zeichnet alltägliche Situationen, in denen der Leser selbst seinen moralischen Kompass zu entwickeln lernt. Auf diese Weise übt sich der Leser in Selbst-Reflexion anhand der Figur von Emma Woodhouse (Emma 1815) oder reflektiert über moralische Aspekte von Persuasion. Er staunt zum Beispiel, wie leicht es einer Elizabeth Elliot (Persuasion 1818) fällt, sich selbst quasi zu allem überreden zu können. Anne Elliot ist sicher eine der Figuren, die als Beispiel für eine besondere moralische Sensibilität dient. Die unaufdringliche Art und Weise, wie Austen solch ein Naturell vorlegt, zeigt sich in der Schilderung der Entwicklung der weiblichen Hauptfigur, die sich von einer schüchternen, gütigen und dezenten Tochter in eine eher aktive Frau verwandelt, die sich für ihre eigenen Interessen und für Frauen generell einsetzt, wie in Annes Konversation mit Kapitän Harville zum Beispiel in Band II, Kapitel 11 eindrucksvoll zu sehen ist. Dadurch, dass Austen im Stil der Erlebte Rede („Free Indirect Discourse“) schreibt, hat der Leser direkten Zugang zu Annes inneren Gedanken und Gefühlen und in ihr wachsendes Vertrauen in sich selbst. Ihre Sprache ist direkt, aufrichtig, mutig und anregend. Nie gleitet sie ins Jammern über verlorene Chancen ab. Der Leser wird so ihrer moralischen Tugend und wahren Stärke gewahr, wenn sie trotz unverdienter Ablehnung und familiärer Vernachlässigung stets ihre Würde bewahrt und am Ende von Persuasion auch mit einem verdienten Happy End belohnt wird.
Doch reicht es aus, moralische Prüfungen in der Literatur zu erschaffen, die die Hauptfiguren bestehen müssen, „bürgerliche“ Tugenden wie Klugheit, Liebenswürdigkeit, Schicklichkeit und Würde zu lehren und tugendhaftes Benehmen sichtbar zu machen, um ein Philosoph im akademischen Sinne zu werden, wie Rodham behauptet? Ein Philosoph3 ist jemand, der ein einzigartiges Denksystem in seinen philosophischen Schriften entwickelt hat. Allgemein ist es jemand, der auf der Suche nach Weisheit ist. Worin liegen die Grenzen zwischen Literatur und Philosophie? Kann ein Roman als literarische Kunstform moralisches Denken repräsentieren, und folglich mit Recht „angewandte“ Philosophie genannt werden, die abstrakte, philosophische Vorstellungen greifbar macht (Kierkegaard, 1949, S. 216) und den Leser mit seiner eigenen Existenz beschäftigt? Könnte man sich eventuell Literatur (besonders Romane) als philosophische Gedankenexperimente denken?4
Ich stimme Kundera (2000, S. 64) zu, dass ein Roman eine philosophische Erzählung ist, die sich mit existenziellen Themen befassen kann, wie zum Beispiel Sartres Oeuvre, aber nicht damit, Austen eine Moralphilosophin zu nennen, deren „Rituale von der Gattung der romantischen Komödie und deren “gesellschaftlicher Realismus“ nur ein Hintergrund ist” (Rodham, 2013, S. 7) und die „sowohl dem professionellen Philosophen als auch dem Laien viel über Moralphilosophie beizubringen hat” (Rodham, 2013, S. 8). Denn, was wäre Austens Philosophie, wenn sie eine Moralphilosophin wäre? Ist ihr philosophisches Werk in ihren Büchern integriert, damit wir es enthüllen? Wenn man sich auf ihre Romane als Gedankenexperimente bezieht, die herausfordernde Szenarien enthalten, die der Leser erst verarbeiten muss, dann kann ich Austens philosophische Seite in ihrer Fiktion sehen, aber keine eigenständige Philosophie. Und lehnt ihr „moralischer Blick” (Rodham, 2013, S. 8) nicht an Adam Smiths „inner judge” an? Gibt es so etwas wie eine „Philosophie des Romans”, wie Kivy (2018, S. 218) behauptet? Diese philosophischen Fragen kamen auf, nachdem ich Rodhams Artikel gelesen hatte, der Jane Austen diesbezüglich nachdrücklich in meinen Fokus als Philosophin rückte.